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Beispiele aus der Praxis

Projekte "Sicher und Mobil" und "Aktiv und mobil - Förderung der Selbständigkeit und Mobilität im Alter"

Im Rahmen ihrer Initiative "Gesund und Mobil im Alter" hat die Ärztekammer Nordrhein zwei Projekte zur Förderung der Mobilität und Selbständigkeit für hochaltrige Menschen entwickelt, die die Gefahr von Stürzen und die damit einher gehenden Risiken von Hüftfrakturen vermindern sollen. Sie werden vom Ausschuss für Gesundheitsberatung und Prävention der Ärztekammer Nordrhein (Leitung: Vizepräsident Dr. Schüller) getragen und von BKK Bundesverband, BKK Landesverband NRW und BKK Deutsche Bank gefördert.

Das erste Modell wurde 2004 begonnen und zunächst in Einrichtungen der stationären Altenhilfe in NRW eingesetzt. Das zweite Projekt wird seit November 2006 in Altenbegegnungsstätten angeboten und soll auch dort dauerhaft etabliert werden.

Das Heim-Projekt ist 2006 im Rahmen des Wettbewerbs "Gesundes Land NRW" ausgezeichnet worden. Es fügt sich in die Landesinitiative Sturzprävention im Rahmen des Präventionskonzepts des Gesundheitsministeriums NRW ein, die von Ärztekammer Nordrhein und BKK koordiniert werden.

Waldemar Streich vom Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit NRW, Bielefeld (ehemals: lögd) sprach mit Frau PD Dr. Dr. Icks von der Ärztekammer, der Leiterin der Projekte, über den aktuellen Stand der Umsetzung.

 

Die Förderung der körperlichen Bewegung bei älteren Menschen ist seit einiger Zeit Gegenstand verschiedenster Bemühungen, zu denen insbesondere auch diejenigen der Vereine zum Ausbau des Sportangebots für Senioren zählen. Was ist das Besondere der Projekte der Ärztekammer?

Icks: Unsere Zielgruppe sind Senioren mit einem erhöhten Sturzrisiko, die sich gangunsicher fühlen, teilweise ärztlich festgestellte Gangstörungen haben, die schon einmal gestürzt sind und sich dabei eventuell auch eine Hüftfraktur (Oberschenkelhalsbruch) zugezogen haben. Für diese Personengruppe bieten wir ein spezielles Kraft- und Balancetraining an, das als sogenanntes "Ulmer Modell" entwickelt und erfolgreich erprobt worden ist.

Die Ärztekammer engagiert sich hier, weil wir die Hausärzte als wichtige Partner ansehen. Mit ihrer Unterstützung erreichen wir auch diejenigen im eigenen Haushalt lebenden alten Menschen, die das Angebot von Vereinen oder anderen Anbietern nicht mehr wahrnehmen. Die Ärzte sind gute Motivatoren, deren Rat von den Patienten angenommen wird. Auch in den Heimen sind die betreuenden ÄrztInnen wichtige Ansprechpartner für Patienten, Angehörige und Pflegefachkräfte.

Seit November 2006 wird das Kraft- und Balancetraining auch in Altenbegegnungsstätten durchgeführt. Wie ist der Stand der praktischen Umsetzung?

Icks: Wir haben zunächst an fünf Standorten in Düsseldorf mit sieben Gruppen begonnen, sind inzwischen aber bei 23 Standorten, verteilt über das ganze Stadtgebiet, angelangt. Über 500 Seniorinnen und Senioren nehmen an den einmal wöchentlich stattfindenden Trainingsstunden teil. Zunächst waren TeilnehmerInnen die BesucherInnen der Begegnungsstätten. Immer häufiger melden sich aber auch Interessenten, die auf anderen Wegen von dem Angebot erfahren haben, so auch Patienten, die auf Empfehlung ihrer Ärzte kommen.

Ein wichtiger Motor für diese Entwicklung sind unsere Informations- und Fortbildungsaktivitäten für die Ärzteschaft sowie unsere Kooperation mit dem Hausarztnetz Düsseldorf (HAND). Das Projekt bietet Ärzten ein Angebot, zu dem sie ihre Patienten schicken können, wenn sie bei Durchführung eines geriatrischen Basisassessments ein erhöhtes Sturzrisiko festgestellt haben.

Gibt es eine Einflussnahme auf die Zusammensetzung der Gruppen im Sinne der eingangs genannten Spezifizierung? Wie sieht es mit der Beteiligung von Männern aus?

Icks: Wir haben die Voraussetzungen für die Teilnahme an unserem Trainingsangebot in allen Informationsmaterialien sehr klar benannt. In jeder Einrichtung gibt es eine Person, die das Angebot organisiert. Sie und die das Training durchführende Fachkraft wissen, dass wir sturzgefährdete Personen erreichen wollen. Schließlich füllt jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer einen Fragebogen aus, in dem u.a. nach Sturzerfahrungen, subjektiver Gangunsicherheit und der Nutzung anderer Sportangebote gefragt wird. Wir prüfen diese Angaben und geben entsprechende Rückmeldungen, wenn eine Gruppe einen insgesamt zu fitten Eindruck macht. Das ist bisher aber kaum vorgekommen.

Was die Teilnahme von Männern angeht, so besteht hier ganz offensichtlich ein Problem – aber nicht nur hier: Probleme der Erreichbarkeit sehen wir auch bei Angehörigen der unteren sozialen Schichten und der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Hier besteht noch Entwicklungsbedarf, zumal sich eine Zunahme der Hüftfrakturen insbesondere bei betagten Männern beobachten ließ.

Gibt es schon erste Ergebnisse der Trainingsmaßnahmen?

Icks: Zunächst möchte ich klar stellen, dass wir keine Prüfung der Effektivität des Programms vornehmen in dem Sinne, dass wir die Wirkungen auf Outcomes wie Sturzunfälle und Frakturen erfassen. Dazu brauchte man ein kontrolliertes Studiendesign mit großen Fallzahlen. Eine Prüfung der Wirksamkeit ist aber auch nicht mehr nötig, da das "Ulmer Modell" in diesem Sinne erfolgreich evaluiert worden ist.

Wir führen in erster Linie eine Prozessbeobachtung durch und erfassen, wo die Maßnahmen stattfinden, wie sie durchgeführt werden und wie die Akzeptanz bei allen Beteiligten aussieht. Dazu werden schriftliche Befragungen der Träger, der Trainer und der Teilnehmer durchgeführt. Auch die Ärztinnen und Ärzte wurden befragt. Auswertungen für die ersten rund 500 Seniorinnen und Senioren werden in Kürze vorgelegt. Insgesamt scheinen sich beide Projekte gut implementiert zu haben. Eine Reihe von Einrichtungen setzt das Modell aus eigenen Mitteln fort, von anderen gibt es eine erklärte Absicht zur kontinuierlichen Fortsetzung der Maßnahmen über den Zeitrahmen der Projektförderung hinaus.

Wie sehen die weiteren Perspektiven des Projekts aus?

Icks: Die Förderung des Heim-Projektes ist beendet, die Förderung des Projekts in den Begegnungsstätten ist auf ein Jahr begrenzt und läuft Ende 2008 aus. Wie oben gesagt sehen wir eine Fortsetzung des Trainings in den Heimen, und hoffen auch, dass die Begegnungsstätten das Angebot beibehalten, zumal das Projekt nicht teuer ist.

Altenbegegnungsstätten müssen ja so oder so irgendwelche Angebote machen, um potenzielle Besucher anzusprechen. Ob es sich dabei um Gymnastik, einen Tanzkurs, kreatives Gestalten oder eben unser Training handelt, macht hinsichtlich des Aufwands keinen großen Unterschied. Für die Initialisierung war es aber sicherlich wichtig, die Kontakte zu geeigneten Trainern herzustellen.

Die Ärztekammer wird die Aktivitäten über die Projektlaufzeit hinaus unterstützen. Wir können natürlich keine Trainer bezahlen. Was wir aber anbieten, ist eine kontinuierliche Information und Fortbildung der Ärzte, eine fortgesetzte Pflege der Kontakte zu Multiplikatoren und die Anpassung der vorhandenen Informationsmaterialien an neue Einsatzgebiete. Das gilt insbesondere für das Informationsfaltblatt für Seniorinnen und Senioren, das die jeweiligen Ansprechpartner in einer Region ausweist.

 
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